Lange wurde nur spekuliert – jetzt ist es offiziell! Airberlin meldet Insolvenz in Eigenverwaltung an. Was das für euch und eure gebuchten Flüge bedeutet, lest ihr hier.

Die geprellten Kunden sind verärgert, der solvente Anteilhaber Etihad längst nicht mehr positiv gestimmt und sogar Lufthansa und Bundesregierung sind mittlerweile in den Fall airberlin involviert. Die Nöte der zweitgrößten deutschen Airline, airberlin, scheinen trotz angestrebter Umstrukturierung und finanzkräftigem Partner größer und größer zu werden. Was sich mit vermehrten Kundenbeschwerden, ausbleibenden Entschädigungszahlungen und einer geplanten Umstrukturierung in den letzten Jahren andeutete, zeigte sich letztendlich in Form eines erdrückenden Schuldenberges von rund einer Milliarde Euro, dem Scheitern des Verkaufs der Schwesternairline Niki an Tuifly und einem Antrag auf Hilfen vom Staat im Juni diesen Jahres. Jetzt ist es offiziell: Airberlin hat Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet.

Insolvenz-Anmeldung bei airberlin

Aktuelle Lage | Statement von airberlin | FAQ: Das ist für die Urlauber nun wichtig

Rückblick: Umstrukturierung & Entschädigungszahlungen

Bedeutet die Insolvenz das Ende von airberlin?
Foto: Sergey Kohl/Shutterstock.com

Aktuelle Lage bei airberlin

Noch vor wenigen Wochen haben wir uns gefragt, wie die Zukunft von airberlin aussieht, ob sich die Airline berappeln kann oder eine Pleite vor diesem finanziellen Hintergrund unausweichlich ist.

Nun steht fest: Airberlin hat einen Insolvenzantrag in Eigenverwaltung gestellt. Etihad hat die finanzielle Unterstützung der Airline beendet – Folge für airberlin: Ein öffentlich gemachter und viel beachteter Insolvenzantrag, da „für die Air Berlin PLC keine positive Fortbestehensprognose mehr besteht“.

Das Insolvenz-Statement von airberlin im Wortlaut

airberlin stellt Insolvenzantrag | Der Bund hilft | airberlin fliegt planmäßig weiter

airberlin hat heute beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt, um die bereits eingeleitete Restrukturierung fortzuführen. Die Bundesregierung, die Lufthansa und weitere Partner unterstützen die airberlin bei ihren Restrukturierungsbemühungen. Die Bundesregierung unterstützt airberlin mit einem Brückenkredit, um den Flugbetrieb auch langfristig aufrecht zu erhalten.

Das bedeutet:

• Alle Flüge der airberlin und NIKI finden weiterhin statt
• Die Flugpläne bleiben gültig
• Gebuchte Tickets behalten ihre Gültigkeit
• Alle Flüge sind weiterhin buchbar

Die Verhandlungen mit Lufthansa und weiteren Partnern zum Erwerb von Betriebsteilen der airberlin sind weit fortgeschritten und verlaufen erfolgsversprechend. Diese Verhandlungen können zeitnah finalisiert werden.

Thomas Winkelmann, CEO airberlin:

„Wir arbeiten unermüdlich daran, in dieser Situation das Beste für das Unternehmen, für unsere Kunden und unsere Mitarbeiter zu
erreichen.“

Hintergrund des heute erfolgten Schrittes ist die Mitteilung der Etihad, dass sie nicht mehr beabsichtigt, airberlin finanziell zu unterstützen.“

[Hier findet ihr die Pressemitteilung von airberlin auf Deutsch und Englisch]

airberlin Insolvenz

Das bedeutet die airberlin Insolvenz für Fluggäste

Ein Übergangskredit der Bundesregierung in Höhe von 150 Millionen soll für die nächsten 3 Monate Abhilfe schaffen und den Flugbetrieb am Laufen halten. In einer offiziellen Pressemitteilung vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur heißt es dazu:

Wir befinden uns in einer Zeit, in der sich mehrere Zehntausend Reisende sowie Urlauberinnen und Urlauber an verschiedenen internationalen Urlaubsorten und Destinationen aufhalten. Der Rückflug dieser Reisenden […] mit Air Berlin wäre andernfalls nicht möglich gewesen. Kurzfristige Alternativen für einen Rückflug dieser Reisenden […] waren nicht zu gewährleisten.“

Mitbewerber Ryanair reichte gegen diese staatlichen Hilfen bereits eine Klage bei der zuständigen Kartellbehörde ein. Die irische Billigairline wirft der Bundesregierung vor, die Übernahme von airberlin durch die Lufthansa mit dem Übergangskredit zu ermöglichen.

Was ihr sonst noch zur airberlin Insolvenz wissen müsst, erfahrt ihr nun in meinen Insolvenz FAQ:

Wird mein airberlin Flug überhaupt noch stattfinden?

Laut airberlin wird der Flugbetrieb vorerst unverändert weitergehen. Dank des Übergangskredites der Bundesregierung ist der Betrieb noch bis ungefähr Ende November 2017 gesichert.

Ich habe eine Pauschalreise mit airberlin Flügen gebucht, was bedeutet die Insolvenz nun für meinen Urlaub?

Pauschalreisen sind automatisch mit einem Sicherungsschein gegen die Folgen einer Insolvenz abgesichert. Der Reiseveranstalter muss bei Flugausfall für eine Ersatzbeförderung sorgen. Ihr braucht euch also keine Sorgen um euren Urlaub machen. Auch die sogenannten Click & Mix Reisen von Expedia sind mit einem Sicherungschein abgesichert.

Sollte ich meinen NIKI oder airberlin Flug jetzt besser stornieren?

Von einer Stornierung raten die Verbraucherzentralen derzeit ab, da so sowohl Flug als auch das Geld komplett weg sein könnten. „Kunden haben wie bei jeder Stornierung nur Anspruch auf Rückerstattung von Steuern und Gebühren und allenfalls eines Teils des Ticketpreises. Zudem: Gezahlte Flugpreise gehören zur Insolvenzmasse, sodass hier Rückzahlungen – wenn überhaupt – erst im langwierigen Insolvenzverfahren zu erwarten sind.

Ist NIKI Air ebenfalls von der Insolvenz betroffen?

Rein rechtlich sei NIKI Air laut Verbraucherzentrale nicht von der airberlin Insolvenz betroffen, jedoch sind auch hier Flugausfälle und andere Probleme möglich.

Was passiert mit einzeln gebuchten airberlin Tickets, wenn der Flugbetrieb tatsächlich eingestellt wird?

Sollte der Flugbetrieg tatsächlich eingestellt wird, könnt ihr eure Forderungen gegen airberlin im Rahmen des Insolvenzverfahrens anmelden. Ob und wie viel Geld ihr dann wiederseht, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

Das Wichtigste zur airberlin Insolvenz kompakt

  • Eure Flugtickets von airberlin und NIKI sind laut jetzigem Stand weiterhin gültig
  • Bei Pauschalreisen seid ihr gegen die Folgen der Insolvenz versichert
  • Gebuchte Flüge sollen weiterhin stattfinden
  • Von einer Stornierung gebuchter Flüge wird abgeraten
  • An den Flugplänen ändert sich derzeit wenig
  • Gerade in den Sommerferien soll mit dem Übergangskredit der Bundesregierung ausgeholfen werden. Das Geld aus dem Übergangskredit soll bis Ende November 2017 reichen
  • Die tatsächlichen Auswirkungen auf den Flugverkehr sind noch überhaupt nicht absehbar
  • Es sind weiterhin Flüge bei airberlin buchbar. Ob ihr das damit verbundene Risiko allerdings eingehen solltet, bleibt euch überlassen

airberlin Insolvenz

Rückblick: Bisherige Probleme bei airberlin

Überraschend kommt die Meldung, dass airberlin Insolvenz anmeldet, nicht. Schon vor Monaten stand die Frage im Raum, was die Probleme der Flugggesellschaft eigentlich für ihre Kunden bedeutet. Immer wieder gab die Airline Stellungnahme, dass Kunden den Verfall ihrer bereits gekauften Tickets nicht fürchten müssten, die Tickets seien sicher. Vor einer Stornierung oder Verschiebung des gebuchten Fluges, wie es in der Vergangenheit bei airberlin häufiger der Fall war, schützten diese Aussage allerdings nicht.

Das Unternehmen Flightright, das sich auf die Durchsetzung von Schadensersatzzahlungen an Fluggäste spezialisiert hat, sprach schon vor Monaten von einer „recht hohen Annullierungsquote“ bei airberlin. Mittlerweile habe sich dadurch eine enorme Summe Entschädigungsforderungen angesammelt, die den verärgerten Kunden laut EU-Fluggastrechten zustehe.

Darauf angesprochen, erzählte mir Stefanie Müller, Pressesprecherin von Flightright vor einigen Monaten: „Die vermehrten Probleme bei airberlin können auch wir bei Flightright spüren. Die Zahl der airberlin-Passagiere, die sich an Flightright wenden, hat sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Wir gehen davon aus, dass auf airberlin Entschädigungsforderungen in zweistelliger Millionenhöhe zukommen. Die genaue Anzahl an Betroffenen kennt natürlich nur airberlin selbst.“

Umstrukturierung für Neuanfang

Im vergangenen Herbst wagte sich airberlin an eine drastische Umstrukturierung, die Flotte sollte verkleinert und die Dienstleistungen verstärkt an Businesskunden angepasst werden. Das alte Geschäftsmodell führe laut Pressemitteilung von airberlin „in 2016 und Q1 2017 zu einem hochgradig unbefriedigenden Finanzergebnis„. Noch im April zeigte sich Chief Financial Officer von airberlin, Dimitri Courtelis, allerdings optimistisch: „Das erste Halbjahr 2017 wird wie 2016 durch die strukturellen Probleme der alten airberlin und den hohen Aufwand für den Umbau der Airline geprägt sein. Es ist normal, dass man bei einem Umbau dieser Größenordnung erst durch ein Tal schreitet, bevor die Verbesserungen spürbar werden.“ Ein für die Umstrukturierung so wichtiger, angestrebter Deal mit Tuifly scheiterte letztendlich. Eine Mitschuld an der andauernden Misere gibt airberlin aber auch externen Firmen, auf die die Airline angewiesen ist. Der Streik des Bodenpersonals am Flughafen Berlin-Tegel, sowie der Ärger mit dem neuen Bodendienstleister führen laut airberlin immer wieder zu massiven Problemen und Flugausfällen.

Verspätungen und Annullierungen bei airberlin

Rückblick: Probleme mit Entschädigungszahlungen

Wie ich nach einer investigativen WDR-Reportage in meinem Reisemagazin berichtete, kommt es bereits seit Jahren immer wieder zu Problemen mit den Entschädigungszahlungen bei airberlin. Kundenanfragen werden ignoriert, Beschwerden heruntergespielt und die zustehenden Entschädigungen oft erst Monate später ausgezahlt. Zwar scheint das schnelle und unkomplizierte Durchsetzen der Fluggastrechte ein generelles Problem der Luftfahrtbranche zu sein, doch bei airberlin, so scheint es, sind die Probleme besonders krass. Damals suggerierte die WDR-Reportage, dass airberlin mit System darauf abziele, Kunden hinzuhalten, oder gar mürbe zu machen, sodass diese von der Einforderung ihrer Entschädigungszahlung absehen. Das kennt auch Stefanie Müller von ihrer Arbeit bei Flightright nur zu gut: „Erfahrungsgemäß versuchen Airlines oft, außergewöhnliche Umstände vorzuschieben und nicht zu zahlen. Aber die über airberlin berichteten Probleme sind nach unserer Einschätzung keine ‚außergewöhnlichen Umstände‘. In der Presse wird berichtet von zu wenig fliegendem Personal, zu wenig Bodenpersonal und zu wenig Personal in der Verwaltung – das hat airberlin zu verantworten.„.

Kam der Kundenservice bei airberlin zu kurz?

airberlin zahlte Entschädigungen bislang zügig aus

Nach der Zahlungswilligkeit von airberlin gefragt, antwortet die Pressesprecherin von Flightright: „Wenn wir für Fluggäste in der Durchsetzung ihrer Entschädigungsansprüche in Bezug auf airberlin aktiv werden, ist das Zahlungsverhalten von airberlin durchaus positiv. Wir können beobachten, dass airberlin die Ansprüche bislang zügig bezahlt und wir können den Kunden ihre Entschädigungsansprüche gleichfalls schnell auszahlen. Wir raten Kunden, weiterhin ihre Ansprüche geltend zu machen. Im Falle von airberlin raten wir insbesondere dazu, nicht zu zögern, und die Ansprüche so schnell wie möglich geltend zu machen. Denn sollte die Airline wirklich zahlungsunfähig sein, gehen Sie möglicherweise leer aus.“ Wie sich das Verhalten der Airline bezüglich der Entschädigungszahlungen in der Insolvenz aussieht bleibt nun abzuwarten. Entschädigungszahlungen im Insolvenzverfahren sind allerdings wenig realistisch, so die Verbraucherzentralen.

 

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